VERA ||| Das JOY-Wiederholungs-Spiel (nach W. Brugh Joy)

Ich begegnete der Idee aus dem Buch „Joy’s Way – A Map for the Transformational Journey“ zum ersten Mal vor über 20 Jahren und habe die Übung in speziellen Workshops eingesetzt. Es ist unglaublich, was passiert. Aber zunächst das Vorgehen:

Wählen Sie ein Musikstück, das Sie noch nicht (oder maximal einigermaßen) zu kennen glauben. Als Pop-Fan wollen Sie vielleicht die kleine Nachtmusik (MOZART) hören, als MOZART-Fan u. U. einen Song aus einem modernen  Musical. Vermeiden Sie extrem einfache Stücke, manche Schlager oder Pop- Songs sind oft so flach, dass das Stück dem Geist so gut wie nichts bieten  kann. Nun gilt es, dieses Stück mehrmals zu hören, und zwar unmittelbar hintereinander. Der Erfinder dieser Übung, ein amerikanischer Arzt namens William Brugh JOY (hier ist Nomen Omen), veranstaltete Bewusstseins-Entfaltungs-Seminare. Er beschrieb diese Übung (ich paraphrasiere aus dem Gedächtnis):

Beim ersten Hören finden die Teilnehmer es fesselnd und aufregend (…),  beim zweiten Mal hören sie zwar noch zu, aber sie beginnen bereits, einige  Stellen geistig vorwegzunehmen und manche Passagen aus dem bewussten Hören auszuschließen, die Gedanken schweifen also bereits ab. Dieser Effekt verstärkt sich beim dritten Mal. Jetzt sind die meisten akut gelangweilt, sie hören nur noch halb hin und nehmen weit weniger wirklich wahr. In der Psychologie nennt man diesen Prozess Gewöhnung. Ihn müssen wir bewusst überwinden, wenn wir unser Bewusstsein aktualisieren (oder gar  erweitern) wollen. Denn der Gewöhnungs-Mechanismus hilft uns, alles auszufiltern, was derzeit nicht wirklich wichtig zu sein scheint, und Bekanntes, das sich nicht als Gefahr erwiesen hat, wird zunächst weggefiltert. Wir  müssen uns also bewusst darum bemühen, trotzdem wieder (weiter) wahrzunehmen.

Nachdem ich das erklärt habe, lasse ich das Stück ein viertes  Mal laufen und jetzt vernehmen viele es „wie zum ersten Mal“. Sie entdecken tausende von feinen Aspekten und Details, die sie bisher noch gar  nicht wahrgenommen hatten, und ab jetzt können Sie das Stück jedesmal  wieder „wie neu“ hören, weil sie lernen, den Gewöhnungs-Mechanismus  auszuschalten. Das unterscheidet einen Vortragenden, der wirklich bewusst im Hier und  Jetzt ist, während er vorträgt, von einem, der seine „Schau abzieht“, äußerlich immer gleich, aber innerlich passiert nichts mehr. Die Erregung über etwaige Einsichten ist gespielt oder nicht einmal das. Da wundert man sich  dann, wenn ZuhörerInnen die Füße einschlafen, wenn der Referent sich selber langweilt …

Übrigens bewirkte dieses Buch, dass auch ich damals aus der üblichen „Kenn-ich-schon-Routine“ gerissen wurde und lernte, Wiederholungen zu schätzen. Sowohl solche, denen man sich als Leser/Hörer „aussetzt“, als auch die, die  man als Sender erlebt, wenn man gewisse Informationen wieder und wieder  von sich gibt – wie alle Lehrenden es ja regelmäßig tun. JOY beschrieb auch,  dass sein eigenes mehrmaliges Vortragen derselben Infos für ihn jedesmal  „wie neu“ war, dass er sich jedesmal an faszinierenden Gedanken erfreuen  konnte, dass er jedesmal die Erregung bei gewissen Einsichten erlebte usw. Variationen.

1. Man kann auch mit Texten experimentieren und ein und dasselbe PROSA-Stück mehrmals lesen oder hören, z. B. ein Gedicht (oder  einen Ausschnitt aus einem langen Stück, wie den Prolog im ersten  Teil von GOETHEs Faust) in dieser Weise „bearbeiten“. Ich habe so  manchen guten Vortrag im Laufe der Zeit 50-mal gehört und bei den letzten 10 Malen noch neue Aspekte (Details) ent-DECK-t. 

2. Oder Sie nehmen sich ein Bild vor (z. B. GUERNICA von PICASSO) und betrachten es immer wieder einmal, jeweils einige Minuten lang, ununterbrochen. Bei jedem Durchgang wäre es gut, anschließend Kommentare über heutige Einsichten und Ent-DECK-ungen zu notieren. Es lohn sich überhaupt, eigene  Assoziationen aufzuschreiben, wenn wir wieder einmal einen DECKEL gelüftet  haben.

Vera F. Birkenbihl, Odelzhausen


Ergänzende Anmerkung von Rainer W. Sauer: »Als ich die Mitt der 1980er Jahre erschienene deutsche Erstausgabe des von VFB erwähnten Buchs, „Weg der Erfüllung (Selbstheilung durch Transformation)“ zum ersten Mal gelesen hatte, musste ich beim Thema der „Wiederholung“ unwillkürlich an den britischen Musiker, Erfinder der Ambient Music und Produzenten Brian Eno und dessen Leitsatz „Wiederholung ist eine Form von Veränderung …“ denken, den dieser folgendermaßen kommentierte: „… denn egal, was sich da wiederholt – das Tape-Loop, die Melodie, was auch immer – eigentlich ist es eher der Hörer, der sich verändert. Und eine Art, seine eigene Veränderung einzuschätzen, ist halt im Vergleich zu etwas Konstantem. Zum Beispiel in einer Situation, in der man ein Loop mit einer Sprachaufnahmen abspielt. Wie ein simples ’something like‘, das ständig wiederholt wird. Nach einer Weile fängt man automatisch an, etwas anderes zu hören. Etwa ’sunlight‘, ‚I am light‘ oder ‚light me up“‘ Sprich: Die Bedeutung beginnt sich zu verändern. Weil aber immer dasselbe Loop läuft, kann das nur am Hörer liegen, nicht am Loop. Das Gehirn re-konfiguriert sich. Es ist durch die permanente Wiederholung so gelangweilt, dass es daraus etwas anderes macht. Und insofern ist Wiederholung eine Chance für das Gehirn, zum Komponisten von etwas Neuem zu werden.“ Genau darum geht es im Grunde auch bei Vera F. Birkenbihl.«

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