RAINER ||| Per Anhalter durch die FANTASIE

(Ausschnitt aus dem Buch „UNIVERSUM IM KOPF“ von Rainer W. Sauer)

Beim Fantasieren verlässt man die vertraute Denkroutine und begibt sich ins Ungewisse. Man sitzt vielleicht körperlich zu Hause, im Bett, neben seinem Partner oder irgendwo anders. Doch die Gedanken sind längst unterwegs. Die Fantasie wird zum Tramper oder anders gesagt: Dein Körper bleibt stehen – aber der Kopf hält den Daumen in den Wind. Und was für dich anhält ist vielleicht … eine Erinnerung, ein Wunsch, eine erotische Vorstellung, eine Angst, ein alternatives Leben.

Du steigst ein und weiß nicht, wohin die Reise geht.

DIE VOTEILE DER FANTASIE

1. Fantasie bedeutet absolute Freiheit: In ihr gibt es zunächst kein Ziel und daher auch keine Fahrpläne, Grenzen, Ampeln und so weiter. Du kannst mit ihrer Hilfe – ein anderes Leben führen /// – einen anderen Menschen lieben /// – jünger sein, erfolgreicher sein /// – gefährliche Dinge erleben /// – längst vergangene Situationen verändern /// – Dinge tun, die man in der Realität niemals tun würde.

Die Fantasie eröffnet damit ein riesiges inneres Subuniversum in deinem Universum im Kopf. In ihm ist alles ist möglich – weil zunächst nichts wirklich passiert. Das ist ihre größte Stärke.


2. Fantasie erlaubt uns, andere Wege auszuprobieren: Eine der großen Fragen im Leben lautet „Was wäre gewesen, wenn …?“ – Also was wäre gewesen, wenn ich damals gegangen wäre? Wenn ich diesen Menschen geheiratet hätte? Wenn ich meinen Beruf gewechselt hätte? Wenn ich all das hier einfach hinter mir gelassen hätte?

Unsere Fantasie ermöglicht dir eine Art mentale Probefahrt. Du kannst alternative Lebenswege durchdenken und erleben, ohne sie tatsächlich gehen zu müssen. Dein Gehirn wird zum Simulator.

3. Fantasie kann Lebendigkeit zurückbringen: Besonders dann, wenn das reale Leben von Routine geprägt ist. Dein Alltag mag „sicher“ sein, aber Sicherheit kann sich manchmal auch wie Stillstand anfühlen. Die Fantasie bringt dir dann: – Abenteuer /// –Erotik /// – Überraschung/// – Gefahr /// – Leidenschaft /// – Intensität. Sie kann dich daran erinnern, dass in dir noch viele Möglichkeiten existieren.

Deine Fantasie sagt dir: Dein Leben muss nicht nur aus dem bestehen, was gerade sichtbar ist.

DIE NACHTEILE DER FANTASIE

Auch wenn es nicht auf den ersten Blick so erscheint: Deine Fantasie/n ist/sind nicht automatisch harmlos, denn Fantasien können attraktiver werden als deine Realität und das ist vielleicht ihre größte Gefahr. In der Fantasie ist alles möglich: Der perfekte Partner, des beste Sex, das perfekte Abenteuer, absolute Freiheit. Klar, dass die Realität damit nicht konkurrieren kann. Denn in deiner Realität gibt es: – Rechnungen /// – Verpflichtungen /// – Konflikte /// – Ärger /// – Missverständnisse /// – Konsequenzen.

Die Fantasie hingegen ist perfekt editierbar. Wenn dir etwas nicht gefällt, dann denkst du einfach anders weiter. Und das ist das Problem: Je perfekter die Fantasie wird, desto unvollkommener erscheint dir deine Realität. Das heißt:


1. Fantasie kann zur Flucht werden: Zu fantasieren ist wunderbar, solange sie ein Ort / ein Raum ist, den du besuchst. Problematisch wird es, wenn du dort unbedingt einziehen willst. Dann wird nämlich aus „Ich stelle mir etwas vor.“ Möglicherweise „Ich möchte am Liebst immer wider dorthin und möglichst gar nicht mehr zurück.“ Deine Fantasie kann dann zu einer Flucht werden vor: – Beziehungen /// – Problemen /// – Entscheidungen /// – Verantwortung /// – dem eigenen Leben.


2. (Nebenbei bemerkt) Fantasien können auch Schuldgefühle erzeugen: Ein Protagonist erlebt Wünsche, vielleicht auch sexuelle Fantasien, die möglicherweise im Widerspruch zu seinem realen Leben und seiner Partnerschaft stehen. Rein objektiv ist zunächst gar nichts geschehen. Und trotzdem entsteht in ihm möglicherweise Schuld.

Warum? Weil unser Gehirn manchmal Schwierigkeiten damit hat, fantasievolle Wünsche vollständig von Handlungen zu trennen. Seine Frage lautet dann: Bin ich schon untreu, nur weil ich mir etwas wünsche? Oder erst dann, wenn ich in meinen Partner einen völlig anderen Menschen sehe? Ober aber gar nicht, weil  es ja ‚meine‘ Fantasie ist. Das ist eine der psychologisch interessantesten Denkkonstrukte. Neben der anderen wichtigen Frage: Können wir denn eigentlich ohne Fantasie leben?

Ich persönlich glaube nicht. Schon oft habe ich mich gefragt, ob das nicht eine typisch menschliche Eigenschaft ist und vielleicht auch eine Besonderheit, die nur wir Menschen haben. Weitergedacht: Haben Tiere, die auf der Weide stehen, Fantasien darüber, dass ihr Leben es auch anders sein könnte. Soweit ich weiß ist dies aktuell gar kein Forschungsschwerpunkt. Aber ja: Fantasie ist, glaube ich, etwas zutiefst Menschliches, im besten wie im schlimmsten Sinne. Daher der Punkt der Vor- und Nachteile.

Unsere Fantasie bringt und seit Jahrhundertausenden voran. Wenn Menschen nicht Fantasie gehabt hätten, würden sie immer noch auf Pferden durch die Gegend reiten. Die Fantasie war aber, das muss doch auch irgendwie anders gehen und daraus wurde dann die Lokomotive, das erste Auto, das Flugzeug und so weiter entwickelt. Und was ist mit den Gedanken an die Zukunft? Kurz gedacht vielleicht die Frage, ob und wohin wir in den Urlaub fahren. Wie wird es sein im Urlaub? Und daraus entwickelt sich die weitere Fantasie: Was packe ich in den Koffer? Wie wird das Wetter sein? Was werde ich unternehmen? – Das sind die kleinen Dimensionen der Fantasie. Und sie weiterzudenken kennt keine Grenzen.

Die weniger schöne Seite der Fantasie ist, dass auch alle Ängste, die wir im Kopf mit uns herumtragen, irgend etwas mit Fantasie zu tun haben. Wenn du dir vorstellst „Ich falle durch die Prüfung, die ansteht.“ oder „Ich habe Angst vor Krankheit“, „… davor, dass mich ein Tier anfällt“, „… dass mein Partner mich betrügt“, „… dass bei mir / bei uns ein Krieg stattfindet“ – Da ist ja noch überhaupt nichts Reales passiert und trotzdem findet in unseren Gedanken bereits die Hölle statt … allerdings nur in unserer Fantasie.

DIE VOR- UND NACHTEILE DER FANTASIE sind daher:

PLUSMINUS
grenzenlose FreiheitRealitätsflucht
KreativitätVerlust des Realitätsbezugs
alternative LebenswegeUnzufriedenheit mit dem realen Leben
Erotik und LeidenschaftSchuldgefühle
innere Abenteueremotionale Verwirrung
mentale ProbefahrtenWunsch kann zur Obsession werden
Trost und HoffnungRückzug aus der Realität

Fazit: Fantasie ist kein Weg / keine Straße mit einem eindeutigen Ende. Sie ist ein Universum, in dem jeder Gedanke plötzlich ein Fahrzeug sein kann – und wir nie ganz sicher sind, ob wir selbst fahren oder nur mitgenommen werden. Per Anhalter durch die Fantasie zu reisen ist also eine Metapher für Menschen, Begegnungen, Versuchungen und Lebenswege: Man steigt bei jemandem ein – oder nimmt jemanden mit – und weiß nicht, wohin die Reise führt.

Am Ende der Fantasie wacht man immer im echten Leben auf. Nach all den surrealen Szenarien, Ängsten und Schuldgefühlen bleibt die Erkenntnis, dass menschliche Nähe und Mitgefühl möglicherweise wichtiger sind als die vermeintliche totale Freiheit der Gedanken.