VERA ||| Wer agiert als LEHRKRAFT? Jeder Mensch, der Dinge erklärt … (1/2)

Die meisten Leute meinen mit “Lehrkraft” ausschließlich Personen, die in Schule und Ausbildung, inkl. Instituten der Erwachsenenbildung (bzw. innerhalb von Organisationen oder Firmen) unterrichten. Damit hätten wir schon sehr viele Personen, aber die Zahl “Teilzeit”-Lehrer und Lehrerinnen ist weit größer. Aber bedenken Sie:

Wann immer eine Person einer anderen Person etwas erläutern will (muss), agiert sie als Lehrkraft. Das gilt für den 9-Jährigen, der seiner Mutter “klar machen” möchte, was eine LAN-Party ist und warum er unbedingt dabei sein muss, genau so wie für die Nachbarin, die uns darüber belehrt, wie wir ihre Katze füttern sollen, während sie übernacht verreisen muss. Ob Sie “lernen” wollen, wie man die neue Entsaftungsmaschine wieder zum Laufen bringt und Ihren Lebenspartner um Hilfe bitten oder ob Sie das Opfer eines Verkäufers/Beraters werden, der absolut unfähig ist, Ihnen begreiflich zu machen, wie Sie die Daten von Ihrem Handy auf Ihren PC übertragen können – immer gibt es eine Person, die etwas weiß und eine, die das Wissen der ersten Person

  1. anzapfen möchte bzw.
  2. der es “eingetrichtert” werden soll.

Nun gibt es wieder zwei Möglichkeiten: Entweder die LEHRENDE Person versteht etwas vom LEHREN, dann wird der andere Mensch gerne und leicht hinzulernen können. Dies gilt, unabhängig davon, ob dies nur eine Person ist (wie in einem Mitarbeiter-, Kunden, oder Coaching-Gespräch) oder ob es gleichzeitig einige oder viele, auch abertausende von LERNENDEN Personen sind, wie in Klassenzimmern bzw. wenn der Erklärende ein Buch geschrieben oder ein “e-Learning” Produkt gestaltet hat.

Deshalb können wir etwas allgemeiner festhalten: Wer LEHREN will (muss) ist SENDER, die LERNENDE Person versucht mit ihrer Botschaft EMPFÄNGER zu “erreichen”.

Dabei ist es gleichgültig, ob der Sender physisch anwesend ist, z.B. wie in Büros, Läden, Klassen- oder Konferenzzimmern weltweit, oder ob der Empfänger alleine versucht, die Botschaft des Senders zu verstehen (entschlüsseln), wenn er eine Anzeige, eine Gebrauchsanleitung, einen Brief (inkl. Werbebriefe), einen Artikel oder ein Buch liest, eine Audio-CD hört oder das Programm einer CD-ROM spielt, im Internet surft etc.

In der Kommunikations-Theorie geht man seit Jahrzehnten davon aus, dass der Sender verantwortlich ist, ob die Botschaft verstanden werden kann. (Wir werden gleich differenzieren, was mit “kann” gemeint ist.) Im Seminar demonstriere ich das gerne, indem ich mitten im Satz von der heutigen Vortragssprache (z.B. Englisch) in eine andere (z.B. Holländisch) überwechsle und die Teilnehmer und Teilnehmerinnen verblüffe. Nach den ersten Schrecksekunden teilen sich die Reaktionen meiner Empfänger: Jene (wenigen), die die neue Sprache verstehen können, unterhalten sich königlich, während die (meisten) anderen zunehmend konsterniert werden.

Ehe sie richtig sauer werden, wechsle ich in die derzeitige Vortragssprache zurück und frage, ob jene, die nicht begreifen, SCHULD seien? Schnell wird klar, dass wir “Sprache” hier metaphorisch verwenden, denn: Der Sender trägt die VERANTWORTUNG, eine Sprache zu wählen, die der Empfänger verstehen kann. Dabei ist zu beachten, dass es keine hundertprozentige Regel ist, denn:

  1. Natürlich kann es vorkommen, dass in einem großen Saal einzelne Menschen sitzen, die das “Kauderwelsch” verstehen, wenn ich die Sprache abrupt wechsle. Aber das stellt keine Berechtigung dar, in dieser Sprache zu reden und alle anderen zu frustrieren!
  2. Natürlich kann es sein, dass einzelne, von denen man erwarten würde, dass Sie die “Vortragssprache” (auch im übertragenen Sinne) begreifen, Probleme damit haben, z.B. Touristen oder Immigranten, die sich also im falschen, nämlich im “englischen” Saal aufhalten. Spricht ein Empfänger zu einer großen Gruppe, so muss er auf diese wenigen keine Rücksicht nehmen, solange seine Sprache die Mehrheit “erreicht”, aber:
  3. Sendet ein SENDER an eine kleine Gruppe/ein INDIVIDUUM, dann muss er sich auf die Sprache seiner Empfänger einstellen.
  4. Deshalb ist wirklich guter Einzel-Unterricht, gutes persönliches Coaching, gute Nachhilfe und ähnliche Formen des so genannten guten 1:1-Unterrichtes (One to One – Teachings) so rar. Die meisten SENDER spulen weitgehend Null-Acht-Fünfzehn-Programme ab, gleichgültig, mit wem sie gerade auf einer 1:1-Basis reden. Wenn man eine Frage stellt, welche die Reihenfolge der Präsentation verändern würde, reagieren sie mit “darauf kommen wir noch” oder ähnlich, weil sie sich gar nicht auf das Individuum einstellen, das ihnen hier ausgeliefert ist. Hier wäre der Klient in einer großen, preiswerten Gruppen-Situation besser “beraten”.
  5. Wann immer ein EMPFÄNGER den SENDER nicht versteht, neigen die meisten dazu, dem EMPFÄNGER die Schuld zu geben (inkl. der Opfer!). Man hält die Empfänger dann gerne für des-interessiert, unkonzentriert, de-motiviert und, wenn die Empfänger zuhause (oder zwischen Lektionen) etwas lernen/erarbeiten sollen, für FAUL. Merke:
  6. Solange alle (inkl. der Opfer) den Empfängern die Schuld geben, solange brauchen die Sender sich nie zu fragen: Ist meine Botschaft denn gehirn-gerecht? (Für die Gehirne der Empfänger!)

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