RAINER ||| Unterschiede zwischen der Arbeit von VFB und meiner eigenen (2): Über Anachronismus und dem „Sound“ im Kopf des Trainers

Lesen Sie HIER Teil 1 von „Unterschiede zwischen der Arbeit von VFB und meiner eigenen“!


Da ich hier, bei aller Sympathie meinerseits für die Vermittlung „gehirn-gerechter“ (= VFB) bzw. „gehirn-genialer“ Lehr- und Lerninhalte (= RWS), auf die Unterschiede bei der Herangehensweise zwischen Vera F. Birkenbihl und meiner Person eingehe, möchte ich nochmals auf den Altersunterschied zwischen ihr und mir eingehen, da dieser bereits für sich betrachtet – weil VFB schon früh angefangen hat (als Sprachlehrerin) zu wirken, sprich: in den frühen 1960er Jahren in München – bedeutend ist. Nicht, was den einzelnen Menschen als Individuum betrifft, sondern eher Birkenbihls Art und Weise mit Teams umzugehen betreffend.

Angeregt durch die Arbeit ihres Vaters war für VFB Mitte der 1970er Jahre klar: „Durch nichts kann man Unternehmen und deren Mitarbeiter-Teams in der Bundesrepublik der kommenden Jahre besser aufstellen, als durch Ratschlägen und Tipps direkt aus dem USA.“ Wer aber, wie ich, genau zu dieser Zeit etwas über Führung in der Verwaltung gelernt hatte, in und mit ihr Jahrzehnte verbrachte, der kann feststellen, dass in Deutschland seit Ende der 1960er Jahre auch andere, neue Erkenntnisse und Methoden gewachsen waren, bei denen das Rollenspiel bei der Vermittlung von Inhalten nicht mehr so sehr im Fokus stand, wie im Werk von Vera F. Birkenbihl oder ihrem Vater. Man könnte fast sagen, dass VFB es durch ihre Abwesenheit in den USA versäumt hatte, mitzuerleben welche nicht direkt aus amerikanischen Management-Theorien stammenden Ideen seinerzeit aus Soziologie, kritischer Theorie, Arbeitspsychologie und Organisationssoziologie entstanden. So behandelte Birkenbihl aus meiner Sicht soz. „am grünen Tisch“ die Symptome der Probleme von Teams, während ich auf der anderen Seite die Ursachen live erleben und erkennen durfte.

Um mit Star Trek zu argumentieren*: Als in der zweiten TV-Serie 1987 mit Jean-Luc Picard ein neuer Captain-Typ etabliert wurde, war JLP zwar ebenso neugierig auf alles, was neu zu entdecken war, wie James Tiberius Kirk, aber er kam zu der Erkenntnis, dass sich aufgrund von Entwicklungen wie „Q“ oder den Borg sich „die Welt des Universums“ (… um eine von mir oft genutzte Metapher zu verwenden …) geändert hat. Es ist die sog. „Fuzzy Logic“**, d.h.: Bei Picard ist nichts mehr wirklich klar, sicher, geschützt oder schützenswert. Genau wie in der Welt der Teamarbeit zur Jahrtausendwende, die eine völlig andere war, als in den 1960ern in den USA. Man / frau musste ganz andere Dinge bedenken, um Personen ins innerste Führungsteam aufzunehmen. Zudem sorgt Diversität bei Personen und Expertisen bei der Aufstellung von Teams für eine bereichernde Vielfalt an Perspektiven. Führungskräfte von heute hören sich Einzelmeinungen an und treffen dann ihre Entscheidungen. Oder wie die Figur Picard es in Folge 17 der TV-Serie ausdrückte: „Führung funktioniert nur gut, wenn meine Offiziere sagen, was sie denken.“

Als erfahrene Trainerin wusste Vera F. Birkenbihl dass Organisationen zu Betriebsblindheit neigen und lehrte hiergegen ihr eigenen Methoden. Aber sie ging in ihren Seminaren selten so weit, zu akzeptieren, dass Menschen „auf Arbeit“ nicht nur zusammenarbeiten, sondern auch in gewisser Wiese zusammenleben – jeden Tag einige Stunden über für (im Idealfall) viele Jahre. Da ich beruflich aber in Strukturen groß wurde, in denen ich tagtäglich verschiedenste Szenarien im wahrsten Sinne des Wortes mitERLEBEN durfte, gehe ich hier bei meinen Veranstaltungen zum Thema völlig anders heran als VFB. Ich plädiere dafür, dass Führungskräfte auch schon mal ihre Mitarbeitenden passiv coachen dürfen. Dazu gehört es, Gespräche zu führen, dabei zuzuhören und gelegentlich auch schon einmal virtuelle die Arme tröstend um eine Person zu legen und zu sagen: „Halb so wild.“ Oder wenn jemand ausruft „Ich komme mir vor wie ein Idiot.“ humorvoll zuzustimmend zu sagen: „Ja richtig, das sollen Sie auch.“ – nur, um anschließend das zu loben, was gut gelaufen ist und festzustellen: „Natürlich sind sie kein Idiot.“ Durch diesen (ich nenne es einmal) humorvoll-motivierenden Führungsstil werden Mitarbeitende schon bald verstehen, wie konstruktive Kritik aussieht.

Ohne Frage lebte Vera F. Birkenbihl (ebenso wie viele andere Lebensberater:innen) von der Sinnfrage des Lebens, die sich viele Menschen stellen (…und das finanziell gar nicht schlecht). Denn der arbeitetende Mensch lebt ja nicht zum Selbstzweck des Broterwerbs. Wenn dies die treibende Kraft in unserem Leben sein sollte, dann machen wir etwas verkehrt, denn es ist so einfach uns selbst (und damit unser Leben) zu verbessern. Die Sinnfragen des Lebens durch Erkenntnisse in einem Seminar oder aus Büchern für sich passend zu beantworten, beinhaltet aber auch, dass SeminarteilnehmerInnen / LeserInnen dem Dozenten, Trainer, Coaches und Autor:innen vertrauen. Das war bei Michael Birkenbihl lange Zeit ebenso der Fall, wie bei seiner Tochter. Bei dem Vater gab es jedoch eine Zäsur, als er Esoterik stärker in seine Programme einbaute und zudem in seinem Buch „Wer repariert den Chef?“ eine anachronistische Sicht der Dinge präsentierte, die nicht mehr in die beginnendne 1990er Jahre passte; in diesen Momenten verlor er viele Jobs und Fans. Auch bei VFB ist meiner Ansicht nach feststellbar, dass einige Menschen, die einst selbst leidenschaftliche Fans waren, mit ihren esoterischen Herangehensweisen fremdelten und ihr danach nicht mehr vertrauen.

Ganz ehrlich: Auch ich habe in manchen Bereichen ähnliche Erfahrungen machen müssen, meine Lehrkonzepte schließlich (und oft schweren Herzens) angepasst und dann schon mal Dinge, die mir im Grunde wichtig erschienen, weggelassen, sobald ich bemerkte, dass sie beim Publikum / den Teilnehmer:innen meiner Veranstaltungen nicht ankamen. Vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass mein großes nebenberuflichen Tätigkeitsfeld in der Musik liegt. In Interviews hatte ich dazu schon mal gesagt, dass ich so eine Art „Sound“ in meinem Kopf habe und wenn der nicht stimmt, dann muss ich etwas ändern: Tonhöhe, Rhythmus, Sound-Design und so weiter. Nebenbei bemerkt gibt ja auch ein KEYNOTE-Speaker, wie schon der Name besagt, den Ton vor.

Zu einem möglichst souveränen Auftritt – und den wollen schließlich alle, die ganz vorne und allein auf der Bühne stehen –, gehört es für mich auch, nicht nur (wie VFB) neue Erkenntnis zu verinnerlichen und weiterzugeben, sondern auch zu erkenen, ja quasi zu erspüren, wann man ohne selbst Fehler gemacht zu haben, beim Publikum „verliert“. Es ist aus meiner Sicht kein Zeichen von Schwäche, Lehrelemente, die nicht ankommen oder möglicherweise abgelehnt werden, der größeren Sache wegen – sprich: des möglichst hohen Vertrauens – aufzugeben. Vielleicht war Vera F. Birkenbihl zu dominant ihren Versuchskanninchen gegenüber, die sich nicht trauten, zu widersprechen. Oder es lag einfach am Asperger-Syndrom, ihrer Form von Autismus.

Lesen Sie HIER Teil 3a von „Unterschiede zwischen VFB und RWS“!


* = Vera F. Birkenbihl Lieblings-Science Fiction-Serie im TV.

** = „Fuzzy Logic (FL)“ oder „unscharfe Theorie“ bzw. „unscharfe Logic“ ist eine Theorie, welche Mitte der 1980er Jahre in der Mustererkennung zur „präzisen Erfassung des Unpräzisen“ (nach Lotfi A. ZADEH) entwickelt wurde, sodann aber in den allgemeinen Sprachgebrauch überging – fast schon im quantenphysikalischen Kontext. D.h.: Es gibt nicht nur 0 und 1, Schwarz und Weiß, schlecht ider gut, sondern eine Vielzahl mehr oder weniger „bunter“ Zwischenstufen. FL war überigens 1990 dasTheme meines ersten Seminars für Verwaltungsmitarbeiter in Offenbach am Main, zu dem mich damals Bernd Rügner veranlasste.

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