RAINER ||| Wie es Vera F. Birkenbihl gelang, in den USA zu studieren

[Aus den Forschungsergebnissen dvon BIRKENBIHL SAMMLUNG & ARCHIV] – Nachdem sie die Obertertia (so nannte man früher die neunte Klasse am Gymnasium) am Gisela-Gymnasium auch im zweiten Anlauf nicht geschafft hatte und eine Zulassung zur Oberstufe mit dem Ziel des Abiturs ausgeschlossen war, brach Vera F. Birkenbihl 1963 die Schule ab. Mit 19 Jahren ging sie schließlich mit ihrem Vater „über den Teich“ in die Vereinigten Staaten – auch für VFB eine „neue Welt“, die als Lebensoption möglich wurde, da beide den Professor beerbt hatten. Es ist jedoch schlichtweg falsch, wenn hin und wieder berichtet wird, sie sei (Zitat) „…vor den Konflikten im Elternhaus in die USA geflohen.“

Veras Ziel war es von Anfang an, in den USA eine Befähigung zu erlangen, ohne Abitur oder Highschool -Abschluss Psychologie studieren zu können, wie es Vater und Großvater vorgelebt hatten. Die sog „Resident Alien Card / Formular I-151“ (wegen ihrer Farbe auch ‚Green Card‘ genannt) wurde den beiden Birkenbihls noch auf dem Schiff vor der Ankunft in den USA im Sommer 1965 ausgestellt und verlieh Vera F. Birkenbihl wie ihrem Vater das Recht, unbefristet im Land zu bleiben; VFB hatte jedoch keine Zulassung einer amerikanischen Hochschule, weshalb sie als Michael Birkenbihls Tochter einreisen musste/durfte.

1965/66/67 gab es in den USA keine einheitliche staatliche Hochschulzugangsprüfung. D.h. die Hochschulen legten ihre jeweiligen Aufnahmebedingungen selbst fest. Damals gab es im Wesentlichen drei Wege: eigene Aufnahmeprüfungen, standardisierte Tests des College Entrance Examination Board oder die Zulassung aufgrund der schulischen Vorbildung. Letzteres kam für Vera F. Birkenbihl nicht in Frage, jedoch bestimmte u.a. die University of California, Berkeley beispielsweise für das Studienjahr 1965/66 ausdrücklich eine „Admission by Examination“. Bewerber, die die normalen Voraussetzungen für die Zulassung als Studienanfänger nicht erfüllten, konnten sich durch Prüfungen qualifizieren. Dafür waren ein SAT (= „Scholastic Aptitude Test“) und drei sogenannte Achievement Tests erforderlich. Das bedeutete: Man konnte unter bestimmten Voraussetzungen auch ohne den normalen schulischen Bildungsweg über eine Prüfung Zugang zu einem amerikanischen College erhalten. Für VFB galt: „kein Abitur“ bedeutet nicht automatisch „keine Hochschulzugangsberechtigung“, denn es ging um die Frage: Entspricht ihre bisherige Ausbildung den Zulassungsvoraussetzungen – oder muss sie ihre Studierfähigkeit durch eine Prüfung nachweisen? Und genau hier spielte der „College Entrance Test“ eine wichtige Rolle, denn da wurden Fähigkeiten abgefragt bzw. geprüft, die für ein Studium als relevant angesehen wurden – insbesondere sprachliches und mathematisches Schlussfolgern. Und die konnte Vera F. Birkenbihl 1967 nachweisen; auch den Sprachtest schloss sie überdurchschnittlich ab.

Michael Birkenbihl lebte zwischen Ende August 1965 und Februar 1968 in den USA, um sich dort in puncto berufsbegleitender Weiterbildung »umzusehen«, wie VFB es nannte. Da er aber nahezu rund um die Uhr mit den unterschiedlichsten Bahngesellschaften kreuz und quer umherreiste (erst 1971 wurde der Großteil des schienengebundenen Personenfernverkehrs der USA von Amtrak übernommen), musste sie lernen, ein selbständiges Leben zu führen. Anfangs wohnte Vera Birkenbihl (die damals noch nicht des ‚F.‘ ihres zweiten Vornamens nutzte) in Kalifornien, eine Freundin empfahl ihr jedoch die Stadt Saint Louis in Missouri als den richtigen Ort für den sogennanten „College-Entrance-Test“, durch den sie im Frühjahr 1967 tatsächlich die Befähigung erlangte, studieren zu dürfen – für die einstige Schulabbrecherin eine Art Quantensprung, den sie mit eiserner Disziplin und bis zu 10 Stunden Lernen am Tag schaffte, wobei sie sich nahezu täglich autodidaktisch via Dekodierung in der englischen Sprache unterwies und darin immer besser wurde. Vor allem: VFB „verschlang“ unzählige Bücher in Originalsprache, darunter auch Science-Fiction-Erzählungen.

In St. Louis gab es damals mehrere sehr unterschiedliche Hochschultypen: 1. die Washington University in St. Louis (= eine private, akademisch anspruchsvolle Universität), 2. die Saint Louis University (= eine private Jesuitenuniversität sowie verschiedene Colleges und kleinere Einrichtungen. Vera F. Birkenbihl sagte später (Zitat): „Ich war zunächst an verschiedenen Colleges in Kalifornien eingeschrieben, bin später in den Mittleren Westen gegangen und habe dort an der University of Missouri in St. Louis studiert und Anfang 1972 mit dem M.A. of Psychology abgeschlossen; Journalismus ist mein zweites Fach gewesen.“ Forschungen von BIRKENBIHL SAMMLUNG & ARCHIV in den USA legen inzwischen aber nahe, dass VFB mit der Bezeichnung „College-Entrance-Test“ nicht den Namen eines einzelnen Tests, sondern eine Kategorie von Zulassungsprüfungen bezeichnete. Dies liegt daran, dass das würde erklären, warum sich in den heutigen Quellen kein mit ihrem Namen verbundener eindeutiger College-Entrance-Test finden lässt; dies obwohl die Archive der betreffenden Universitäten ziemlich umfangreich sind. Vielmehr äönnte es bei ihr damals eine Kombination aus – Admission Examination /// – Entrance Examination /// – College Entrance Examination /// – Admission by Examination gewesen sein.

Im Archivbestand der damaligen Universität existiert ausdrücklich eine Akte: „Extension Division, 1965–67“. Eine Extension Division war typischerweise für Weiterbildung, Erwachsenenbildung, Sonderprogramme und nichttraditionelle Bildungswege zuständig. Dies war etws, das es einer jungen Frau aus Deutschland ohne High-School-Abschluss ermöglichte einen alternativen Zugang zum College zu erhalten. Amerikanische Hochschulregelungen aus der damaligen Zeit belegen zudem, dass es beispielsweise die sog. „Admission by Examination“ Personen „ab 19 Jahren“, die keinen normalen High-School-Abschluss besaßen, erlaubte, spezielle Aufnahmeprüfungen abzulegen.

Das heutige UMSL-System dokumentiert diesen klassischen Weg sehr deutlich; historische Unterlagen verweisen bereits in den 1960er Jahren auf ACT/College Entrance Examination Board, was nahelegt, dass der Test tatsächlich an der University of Missouri in St. Louis stattfand. Zusammenfassen lässt sich also belegen, dass sie 1965 mit ihrem Vater in die USA ging und zunächst in Kalifornien lebte. Dort arbeitet Vera F. Birkenbihl und lernt gleichzeitig intensiv Englisch, um sich autodidaktisch auf einen College-Entrance-Test vorzubereiten. Im Frühjahr 1967 (sie ist da 20 Jahre alt) geht sienach St. Louis, weil sie dort diesen Test ablegen kann bzw. dort eine entsprechende Möglichkeit besteht. Sie besteht die Prüfung und schriebt sich anschließend an der St. Louis University (SLU) ein (… und eben nicht an de roft genannten University of Missouri in St. Louis …) und studiert dort Psychologie und Journalismus.

An einem studentischen Magazin für „Philosophy and Literature“ – abgekürzt „Phi.Lit.“ – arbeitete VFB ab 1968 mit. Die Ausgaben 1 und 2 erschienen 1968/1969, die Ausgaben 3 und 4 1969/1970. Hier veröffentlichte sie nach eigener Aussage in der Nummer 3 den Artikel „Brainstorming for One“. Aus „Phil.Lit“ ging schließlich 1988 das „Litmag“ – das literarische Magazin der Universität – hervor, das 2018 sein 30-jähriges Bestehen feiern konnte. Leider lässt sich weltweit kein Originalartikel von „Brainstorming for One“ mehr auffinden – dies, obwohl Vera F. Birkenbihl später mehrfach Bezug auf diesen ersten Artikel von 1969 nahm.

Interessant ist aber: Das klassische Brainstorming war ursprünglich gerade eine Gruppenmethode, die Mitte der 1950er Jahre auf den amerikanischen Werbefachmann Alex F. Osborn zurückging. Es ist anzunehmen, dass Vera von ihrem Vater Michael darauf aufmerksam gemacht wurde. Dessen Grundidee lautete: Menschen sollen gemeinsam möglichst viele Ideen produzieren, ohne sie während der Ideenproduktion zu kritisieren oder zu bewerten. Und genau an dieser Gruppenorientierung entzündete sich Ende der 1960er Jahre eine interessante wissenschaftliche Diskussion, denn 1969 erschienen gleich mehrere wissenschaftliche Arbeiten zum Verhältnis von „Individual Brainstorming“ zu „Group Brainstorming“; eine davon stammte von Thomas J. Bouchard Jr. und erschien im Februar 1969 im „Journal of Applied Psychology“. Der Titel war: „Personality, Problem-Solving Procedure, and Performance in Small Groups“. Das ist bemerkenswert, weil es genau in die Zeit fällt, in dem VFB ihre Methode „Brainstorming for One“ im Phil.Lit. Magazine Nr. 3 veröffentlichte. Auch ohne Vera F. Birkenbihl Original-Artikel zu kennen, darf man davon ausgehen, dass sie hierin Bezug auf Bouchard Jr. und seine Erkenntnisse nahm.

In Kontext ihrer späteren Arbeit ist festzustellen: Die Bezeichnung „Brainstorming for One“ ist dagegen in zeitgenössischen Quellen nicht als etablierter amerikanischer Fachterminus aufgetaucht und dies könnte bedeuten, dass Birkenbihl einen damals wissenschaftlich und praktisch diskutierten Ansatz aufgegriffen, daraus aber eine eigene, systematisierte Methode gemacht und ihr den Namen „Brainstorming for One“ gegeben. Sie hat also das Einzel-Brainstorming vielleihct nicht erfunden, aber dennoch auf ihre Art später populär gemacht.