VERA ||| TV-Gewohnheiten (zumindest aus Sicht des Jahres 2009) – Teil 1/2

Gefahren: 1.) Der physische Sehvorgang

Unser Auge ist so eingerichtet, daß es sich ständig bewegt. Deshalb können wir auch Dinge sehen, die sich nicht bewegen – im Gegensatz zum Frosch; sein Auge ist starr, deshalb existiert für ihn nur, was sich bewegt. Mit Bewegung des Auges sprechen wir hier nicht nur von willkürlichen Bewegungen des Augapfels, die Sie ausführen, wenn Sie etwas mit den Blicken verfolgen; wir meinen vor allem die bewußt nicht wahrgenommenen Minimal-Bewegungen, die ständig ablaufen und ohne die wir blind wären. Dies können Sie mit folgendem Experiment leicht nachvollziehen: Legen Sie eine Hand leicht auf den (anderen) Unterarm (vorher Ärmel zurückschieben, wenn nötig) und bewegen Sie dann weder Hand noch Arm. Nach kurzer Zeit spüren Sie Ihre Hand nicht mehr. Erst wenn Sie Arm oder Hand wieder bewegen, können die Sinnesrezeptoren wieder „etwas“ registrieren.  Im Auge ist es ähnlich, nur daß die Sinnesrezeptoren im Augeninneren weit kleiner sind, demzufolge reichen auch weit kleinere Bewegungen. Diese aber sind absolut notwendig für den Sehvorgang, auch wenn Sie normalerweise nichts davon wissen. (Diese Minimalbewegungen kann man normalerweise nur durch ein Betäubungsmittel stoppen.) Wenn Sie „normal in die Gegend“ gucken, dann sehen Sie diese Gegend nur aufgrund der Bewegungen Ihres Augapfels. Wenn Sie ins Kino oder Theater gehen, dann haben Sie die große Leinwand oder Bühne vor sich, also können sich Ihre Augen auch hier frei bewegen. Ebenso wandern Ihre Augen ständig über ein Bild (Foto, Zeichnung etc.). Ja sogar, wenn Sie Ihrem „Liebling“ in die Augen sehen wollen, dann stellen Sie fest, wie schwierig dies ist, weil sich Ihre beiden Pupillen andauernd bewegen. Nur beim Fernsehen mit relativ kleinen Bildschirmen (die wir derzeit noch nutzen) ist es anders*, hier wird das Gehirn „ausgetrickst“: Weil sich das Bild (auf einer zu kleinen Fläche) bewegt, wird der normale Bewegungs-Mechanismus unseres Auges weitgehend außer Kraft gesetzt, was normalerweise nur geschieht, wenn wir „ins Leere starren“. Deshalb verfallen wir ins „Glotzen“ (die Glotze heißt nicht grundlos so). Wir verfallen also in dieses eigentümliche TV-Starren, d.h., unsere Augen werden relativ stark „fixiert“ und bewegen sich ausnahmsweise (fast) nicht. Dadurch entsteht kurzfristig eine Art hypnotischer Trance-Zustand, der jedoch durch permanente plötzliche Schnitte und abrupte Szenenwechsel andauernd unterbrochen wird. Sonst könnte man die Trance ja meditativ nutzen. Dies ist mit „stillen“ Videos sogar möglich: vom Holzscheit im Kamin über freie Natur (Wolken, Berglandschaften, Tiere, Wiesen) bis zum TV-Aquarium. Beim Fernsehen aber entsteht nur eine sehr kurze Pseudo-Trance, die sofort wieder unterbrochen wird, und kurz darauf fallen wir wieder „hinein“ (nach dem altbekannten Motto: „Rin in die Kartoffeln, raus aus die Kartoffeln …“ Dadurch wird der wache Intellekt weitgehend matt gesetzt.

Böse Zungen behaupten, hinter diesem Wahnsinn stecke Methode. Noch bösere sagen gar hinter vorgehaltener Hand, Aldous HUXLEY habe sich in Schöne neue Welt geirrt, das Soma wird uns per TV verabreicht, da auch bei uns ein Großteil des Stimmviehs (pardon, „mündige“ Bürger) in permanenter Unmündigkeit lebt, denn:

  1. In diesem Zustand „sausen“ die meisten Informationen am wachen Zensor unseres Bewußtseins vorbei auf dem direkten Weg ins Unbewußte. Auf diese Weise nehmen wir viele Informationen auf (wir lassen sie in unser Inneres!), bei denen unser bewußter Geist nicht sagen kann: „So ein Mist“, denn wir können einen Gedanken weder bewerten noch verwerfen, den wir nicht bewußt registriert haben.
  2. Je häufiger man sich freiwillig in diesen Zustand begibt, desto ausgeprägter sind die Nachwirkungen, so daß bei manchen die Nachwirkungen von gestern in die Pseudo-Trance von heute münden …

Viele Menschen, die sich jenem Fernseh-Sonder-Starr-Status sehr häufig aussetzen, klagen über Ein- und Durchschlaf- wie auch akute Konzentrationsprobleme; sie sind oft gereizt und fühlen sich gestreßt, sie sind ruhelos (als wollte der Geist die mangelnde Augenbewegung durch geistige Ruhelosigkeit kompensieren). Kurz, sie klagen über einen überreizten Geist!

Mein Tipp:

Blicken Sie beim Fernsehen regelmäßig ge-ZIEL-t „weg“, im Klartext: Lassen Sie Ihre Augen durch den Raum schweifen, damit die Pseudo-Trance nicht „greifen“ kann. Dieses ge-ZIEL-te Wegsehen erlaubt es Ihnen u.a., sich z.B. bei be- MERKenswerten Infos (also wenn Sie sich viel MERKen wollen) Notizen zu machen oder überhaupt etwas Beruhigendes zu tun (damit die Hände nicht ständig nach etwas Eßbarem suchen… da sind Zeichenübungen oder Hand- bzw. Bastelarbeiten sicher kalorienärmer). Wenn Sie lernen, nur ungefähr ein Drittel der Zeit (mit kurzen Kon- troll-Blicken) auf die Mattscheibe zu sehen, dann wird aus Fernsehen das bessere Radio. Früher, als man beim Radiohören mehr als Kartoffelchips bewegte (z.B. Näh-, Stick-, Strick- oder Häkelnadeln, Bastelschere oder Perlen, die man auf Fäden reihte etc.), da begab sich der Geist in eine offene (AUF-nehmende, AUF-MERK-same) innere Haltung, also MERKte man sich auch weit mehr! Übrigens hat das ununterbrochene Hinschauen noch einen weiteren Nachteil: Wenn Sie z.B. einen Auslands-Bericht sehen, in dem Slums mit kleinen Kindern gezeigt werden, und der Kommentator berichtet gerade, wie viele dieser Kinder das fünfte Lebensjahr niemals erreichen werden, dann ist es außerordentlich wahrscheinlich, daß sich in diesem wichtigen Moment etwas bewegen wird, z.B. fährt ein Bus an der Kamera vorbei (oder eine andere Bewegung, die Sie von der Information ablenkt!) Nun haben Sie diesen Bus im Bewußtsein, weil im Zweifelsfall Bilder immer Vorfahrt im Gehirn haben. Sie kennen das alte chinesische Wort, ein Bild sage mehr als 1000 Wörter. Es beschreibt, daß Bilder im Gehirn vorgezogen werden, weil sie schneller und ganzheitlicher verarbeitet werden. Die moderne Forschung hat uns dasselbe gezeigt: Im Zweifelsfall haben Bilder neuro-physiologische Vorfahrt und damit Vorrang gegenüber Worten. Zu dem Zeitpunkt, an dem der Bus Sie also ge-ZIEL-t ablenkt, hören Sie demnach so gut wie nichts. Die eigentliche Information des Kommentators hatte also so gut wie keine Chance, zu Ihrem Wach-Bewußtsein durchzudringen.

Frage: Warum stört der Bus die Info-Aufnahme all jener ZuschauerInnen, die sehr genau hinschauen, weil sie besonders viel lernen wollen?

Antwort: Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz, an das sich fast alle Regisseure und Cutter halten, nämlich: Es muß sich immer etwas bewegen. Darum erleben (erleiden!) wir die vielen plötzlichen schnellen Schnitte (den ständigen Bildwechsel) nach maximal 30 Sekunden für ältere Zielgruppen! Denn bei den Teenies rasen die Bildschnitte bereits mit zehnfacher Geschwindigkeit! Diese ständigen actions aber lenken total „professionell“ vom Inhalt ab, was um so störender ist, je mehr Inhalt angeboten wird – also besonders bei Sendungen, bei denen wir etwas lernen wollen! Hauptsache Sie zappen nicht weg, auch wenn Sie das, was Sie sehen, nicht richtig wahrnehmen können, weil sich laufend etwas bewegt.*

Gefahren: 2.) Prägung

Viele Dinge in unserem Leben lernen wir durch Imitation ( vgl. T – Verhalten + Handlungen TRAINIEREN, S. 206 ff.), das heißt: Wir übernehmen Verhaltensweisen, die uns andere durch ihre Handlungen vormachen (vorleben). Meistens bemerken wir das nicht bewußt. Wir tun dies auch als Erwachsene (unser ganzes Leben lang) – und natürlich läuft dieser unbewußte Prozeß auch beim Fernsehen ab. Vor der Glotze lernen Sie eine ganze Menge, ohne es zu merken. Denken Sie an eine Sendung vom Typ Denver, Dallas o.ä. Hier lernen Sie z.B.:

  • Du darfst niemandem trauen, weil alle so fies sind wie du selbst.
  • Du mußt die anderen schnell (= ohne langes Nachdenken) bekämpfen, sonst kommen sie dir zuvor.
  • Alle Männer wollen viel von dem einen (außer sie saufen so intensiv, daß das nicht mehr geht).
  • Wenn Männer saufen, dann sind sie Männer (bis sie weiße Mäuse sehen, dann landen sie im Krankenbett), wenn aber Frauen saufen, dann sind sie haltlose, charakterlose Luder, die von ihren Ehemännern in luxuriöse/n Reha-Kliniken ver/gesteckt werden.
  • Wenn du ein Problem hast, dann mußt du zum Sideboard gehen und dir als erstes einen Whiskey einschenken usw.

Erstellen Sie Ihre eigene Liste, was Sie bei den Filmen, die Sie gerne sehen, „zwischen den Zeilen“ lernen können, das ist eine der spannendsten Übungen, die Sie je absolviert haben! Falls Ihnen dies im Augenblick (noch) unglaubhaft oder „lächerlich“ erscheint, dann denken Sie bitte über folgendes in Ruhe nach: Die amerikanischen Autofahrer wollten sich zunächst partout nicht anschnallen. Dann entschied man, daß Personen in Film und Fernsehen sich anschnallen müßten (inkl. Detektive in Krimis!). Innerhalb der nächsten Jahre erhöhten sich die Anschnall-Quoten dramatisch. Das gleiche passierte (zeitversetzt) in Deutschland. Es dauert immer ein wenig, bis die amerikanischen Produktionen gekauft, übersetzt, synchronisiert und gesendet werden.

Mein Tipp:

Prüfen Sie bitte, was Sie sich regelmäßig anschauen, denn es wird Sie prägen, ob es Ihnen paßt oder nicht! Das wußte schon GOETHE, als er sagte: „Weiß ich, womit du dich beschäftigst, so weiß ich, was aus dir werden kann.“ Würde der Geheimrat heute leben, dann hätte er wohl gesagt: „Sage mir, mit welchen TV-Sendungen und Figuren du dich ständig umgibst …“ Womit umgeben Sie sich häufig oder regelmäßig?  Sehen wir uns häufig Filme an, in denen

  • Konflikte mit Pistolen ausgetragen (aber nie gelöst) werden,
  • man nicht (wirklich) miteinander spricht,
  • man sich beim Erkennen eines Problems erst einen einschenkt,
  • man sich gewohnheitsmäßig gegenseitig belügt und betrügt usw.

dann wird uns das prägen! Deshalb rate ich Ihnen: Wählen Sie sehr be- wußt, was Sie (regelmäßig oder gewohnheitsmäßig) an sich heranlassen (womit Sie sich umgeben)! Wenn Sie z.B. Krimis mögen, schauen Sie lieber Columbo als handelsübliche Detektive, die pro Serie mindestens dreimal ihre Waffen benutzen.

  • Bei Columbo lernen Sie (unbewußt), wie man höflich miteinander umgeht.
  • Er zeigt uns, wie man mit Achtung/Respekt mit einer Person kommunizieren kann, auch wenn man bereits weiß, sie ist schuldig (weshalb man sie hinter Gitter bringen will).
  • Er ruft seine Frau an, wenn er unerwartet aufgehalten wird, ohne Angst, das könnte seine männliche Ausstrahlung (die ihm sogar Männer bescheinigen) gefährden.
  • Columbo beweist jedesmal aufs neue, daß (und wie!!) man sich Problemen denkend nähern kann statt mit Gewalt.

Ähnlich ist es bei Quincy, wobei dasselbe Team diese Denk-Krimis gemacht hat. (Wußten Sie, daß Peter FALK bei einigen Columbo-Filmen das Drehbuch schrieb und einige als Produzent herausgebracht hat?)

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