(…) Es ist nicht depektierlich, zu sagen, dass sich Vera F. Birkenbihl in ihrem Leben regelmäßig zwischen alle Stühle gesetzt hat, indem sie eine unbequeme Position vertrat, sich bei manchen Menschen unbeliebt machte, mit ihren Ansichten gelegentlich angreifbar machte. Insofern gibt es da durchaus eine Parallele zu dem französisch-rumänischen Schriftsteller Eugène IONESCO, dem es übrigens auch um Stühle ging. Sein Bühnenstück „Die Stühle“ ist eine absurde Theaterposse aus dem Anfang der 1950er Jahre. Es baut auf den erstmals 1934 in London im Rahmen der Revue „En Ville Ce Soir“ uraufgeführten Bühnensketch „The 90. Birthday“ von Lauri Wylie auf, der bei uns später im Fernsehen als „Dinner for one“ bekannt wurde. In „Die Stühle“ gibt ein uraltes Paar eine Abendgesellschaft, zu der die ganze Menschheit eingeladen ist. Die Klingel läutet, die Türen öffnen sich, die Bühne füllt sich mit sichtbaren Stühlen, auf denen unsichtbare Gäste Platz nehmen. In menschenleerem Raum erwartet man den Redner, der der Menschheit die Lebensbotschaft der Alten verkünden soll: Das Licht des Geistes und den Sinn des Daseins.

Der Redner tritt auf, aber er ist taubstumm und man erkennt: Es gibt keine Botschaft. Ohnehin haben sich die beiden Alten schon vor der angekündigten Rede aus dem Fenster gestürzt. Bei Ionesco ist alles nihilistisch düster. Es gibt keine Worte, keine Gäste, leere Stühle, ganz viel Leere. Seine Botschaft ist: Das Alte ist tot, die Tradition ist ausgelöscht. Doch ebenso wie Miss Sophies Geburtstag keinen exakten Eindruck eines modernen Großbritanniens vermittelt, ist Ionescos Farce über die Tradition nicht wirklich zutreffend. Absurd und kurios sicherlich, aber eben nicht die Wirklichkeit.
Ende März 1895 entdeckte er Physiker Wilhelm Konrad Röntgen eher zufällig in seinem kleinen Labor an der Universität Würzburg eine neue unsichtbare Strahlung. Weil sie gänzlich unbekannt war, er aber der welt davon berichten wollte, sprach er von „X-Strahlen“. Wer kennt sie heute nicht und wäre noch nicht selbst von ihnen durchleuchtet worden? Dank Röntgen kann man ganz offensichtlich doch einiges Licht in das Dunkel unseres Innern bringen und es abbilden. Licht, das nichts Intimes bloßstellt, sondern über Brüche, Risse und andere Effekte in unserm Körper Aufschluss bringt.
Kleine Info am Rande: Röntgen hat seine medizinisch unsagbar hilfreiche Jahrhundertentdeckung ganz bewusst nicht patentieren lassen, da er schnell erkannte, dass das zum Wohle der Menschheit am besten sei. Außer dieser Tatsache gibt es kaum Parallelen zu Vera F. Birkenbihl – beide haben nicht das Geringste miteinander zu tun. Doch was auf dieser Welt würde nicht mit irgendetwas anderem zusammenhängen? Alles hat irgendetwas miteinander gemeinsam. Der Aufbau des Kosmos, sow ei wir ihn derzeit verstehen ist weitgehend ähnlich, von den kleinsten atomaren Bestandteilen bis hin zum grossen Ganzen. Das Erkennen des Menschen bleibt, als Röntgenbild oder bei gehirn-gerechten Lernmethoden, bei der medizinischen Versorgung wie dem Coachen und dem mentalen Training, das Ziel. Gleichwohl können wir durch die X-Strahlen und heute ein nahezu ungefährliches MRT bildlich plötzlich Unsichtbares sehen, können durch Stoffliches, durch Haut und Fleisch hindurchblicken, können dank der Neurowissenschaft bestimmte Teile unseres Universums im Kopf bestimmen, dass wir seit etwa 9000 Jahren „Hirn“ nennen – erst später wurde die Silbe „Ge“ vorangestellt wie bei Gebeine, Gebilde, Gewächs, um es emporzuheben. Übrigens entstanden „Hirn“, „brain“ und sogar das schwedische „hjärna“ alle aus demselben Wortursprung[1] – also aufgrund der Hirnforschung können inzwischen unterschiedliche Areale unseres Geistes erkannt werden.

Röntgen hatte die verblüffende Erkenntnis vor rund 130 Jahren natürlich gleich seiner Frau vorgeführt und deren Hand durchleuchtet. Zu sehen war dabei aber nicht nur die skurrile Knochenstruktur, sondern außerdem der metallene Ehering. Er schien frei um den Fingerknochen zu schweben. Auch das Zeitalter der Aufklärung war ja im Grunde eine Art der Durchleuchtung von traditionellen Ansichten, um noch einmal zu Ionesco zurückzukehren. In der Aufklärung wurden Gott und Christus und der Kirche ein Nimbus genommen und Menschen versuchten selbst, sich „das Göttliche“ zu erklären. Zuvor waren sie nicht WESENtlich, nun wollten sie es werden. Das Wort WESEN ist kein Substantiv, sondern ein Verb. Wir kennen es am ehesten aus dem Wort verwesen, am besten aber durch unsere Anwesenheit. Dabei weiß jeder von uns selbst am besten, ob er seine Anwesenheit irgendwo nur als rein physische Präsenz versteht oder als teilnehmenden Prozess, sozusagen als ein Mitgehen auf Gedankengänge eines redners oder Dozenten.
Der öffnende Schlüssel zwischen der Tür mit Röntgen auf der einen Siet eund Birkenbihl auf der anderen heißt Freiheit. Während die X-Strahlen freie Sicht auf das Innere des Körpers erlauben, arbeitete Vera F. Birkenbihl an der Freiheit der Gedanken … weshalb ich ihrer Story auch diesen Titel gab. Gehirngerecht nannte sie ihre Lern- und Lehrmethoden, wobei sie später als ihr Alleinstellungsmerkmal den Bindestrich einbaute, den wir vielleicht sogar als einen Gedankenstrich bezeichnen dürfen, da sie sich etwas dabei gedacht hatte. Man ist versucht, ihn auch noch zwischen Birken und Bihl zu setzen, also den Bäumen als Wachstumssymbol und dem Hügel als Lernberg.
Auf jeden Fall hat sie die ganzen Ablagerungen traditioneller Ansichten über mentale Entwicklung quasi weggebeamt. Alle tradierten Vorurteile, Vorstellungen, Einbildungen, vielleicht falschen Vertröstungen, lebensfeindliche Ideen und apokalyptische Szenarien des deutschen BildungsWESENs, wie es bis in die 1960 Jahre vorherrschte, hat sie nicht plakativ angeprangert sondern gezeigt, wie man es besser machen kann. Die Röntgenstrahlen gehen durch das Fleisch auf das Skelett, auf das, was unseren Körper zusammenhält. Birkenbihls Strahlen dringen dagegen in unseren Geist ein und bewirken Wundervolles, bei denen, die es wollen und darauf bauen. Der Gedankenfreiheit hat wohl Friedrich SCHILLER das größte literarische Denkmal mit seinem „Don Carlos“ gesetzt. Danach sang man sogar darüber, dass die Gedanken frei sind, allerdings bis Mitte des letzten Jahrhunderts mit der Anmerkung, sie seien zwar frei, man dürfe sie halt nur nicht immer und überall frei äußern. Danach gab es so etwas wie Meinungsfreiheit, die große Schwester der Pressefreiheit, und VFB profitierte davon und erklärte den staunenden Menschen bei ihren Seminaren, deren Gedanken seien „frei programmierbar“.

Dahinter verbirgt sich zu allererst eine Geisteshaltung, die der kleinen Vera Felicitas hautsächlich durch ihren Vater und den Großvater beigebracht wurde. Es ist zunächst einmal Kopfsache und Kopfarbeit, bis die Gedanken vielleicht frei sind und man erkennt, dass einen das herrschende Bildungswesen nicht so akzeptiert, wie man ist. Frei nicht nur vom germanischen Pauken und dessen lichtscheuer hierarchischen Bevormundung durch verstaubt-trockene Lehrmethoden, sondern frei auch von allen eigenen Blockaden des Geistes. Dieser innere mentale Freiheitskampf ist zwar unblutig, aber gleichwohl nicht undramatisch. Über Gymnasium, Abitur und Studium etwas im Leben zu erreichen ist wirklich ein essentielles Ziel vieler Menschen weltweit, für das Vieles in Kauf genommen und viel Ärger heruntergeschluckt wird – also eigentlich das Gegenteil von Freiheit.
Die Frage, wie Birkenbihl umtrieb war: Werden Menschen ohne Bildungserfolg nicht sogar krank? Sucht der Mensch nicht von sich aus ständig nach Wissensvermehrung, oft in Sehnsucht, selbst um den Preis einer gewissen Unfreiheit? Doch der Ring von Frau Röntgen schien auf dem Foto zwar frei zu schweben, aber in Wirklichkeit saß er doch fest auf dem Fleisch; dies zeigt, dass die Wahrheit nicht lügt. Auch was Lernen und Bildung betrifft. Klar ist, wer etwas mit Disziplin ausführt, ist von da an weniger frei als zuvor. Jeder muss sich dabei selbst erforschen, wie viel Freiheit er sich wünscht – äußerlich wie innerlich. Habe ich mich für eine persönliche Weiterentwicklung, für das Erklimmen des nächsten Levels meines Geistes, hinreichend frei gemacht?

Eine MRT zeigt unser Gehirn Segment für Segment, Ebene für Ebene, zweidimensional, inzwischen sogar dreidimensional? Doch geht es bei Birkenbihl nicht um Segmente sondern um mentale Dimensionen. Wieviele Dimensionen hat ein menschliches Gehirn? Wie viel eigene Analyse und Diagnose verträgt unser Geist mit all ihren Risiken und Nebenwirkungen? Die Wirkung ist klar und tritt ein, wenn sich im Wissensnetz mit der Zeit immer neue Verknüpfungen ergeben. Die Birkenbihl-Methoden sind eine Art virtueller Freiraum, ein Spielraum, der auf seine Akteure wartet. Je weniger man selbst auf einem Spielfeld agiert, desto mehr muss man sich später anstrengen. Je mehr Freiraum wir uns im Universum in unserem Kopf erobern, desto mehr müssen wir ihn selber füllen und über die Jahre verteidigen. Oder um es mit dem Spötter Karl KRAUS auszudrücken: „Die Gedankenfreiheit haben wir. Jetzt brauchen wir nur noch die Gedanken.“
Von Vera F. Birkenbihl sind aber nicht nur die Botschaft des gehirn-gerechten Lerhren und Lernens geblieben, sondern auch ihr Appell sich für Alles in Allem zu interessieren. Bin ich selbst zufrieden mit meinem bloßen Dasein, im Reich der Tatsachen, die mir wahr oder gefakt, präsentiert werden? Zufrieden mit meiner Qualität der Vernunft? Was verstehen wir überhaupt unter Vernunft? Unsere fliegenden Gedanken haben ja, wie auch das Gehirn, zwei Flügel. Nicht nur das wissenschaftliche Erkennen, sondern auch das spekulative Reflektieren. Was nützt uns alles Wissen der Physik, wenn wir nach dem Ursprung des Lebens fragen? Wir können mental transzendieren in eine andere Welt, aber weshalb sollten wir etwas können, was es dann in Wirklichkeit gar nicht gibt? Was gehört alles zu unserem persönlichen Bildungsplan? Bei VFB waren es außerhalb ihrer Kernkompetenz nebst Sprachenlernen und der Verbesserung der Kommunikation beispielsweise die quantenphysikalische Chaostheorie, die Esoterik oder aber auch Exkursionen zu anderen Ländern und deren Besonderheiten und Sitten. Auch wenn unsere persönlichen Freiräume im Denken inzwischen vielleicht wieder etwas geschrumpft sind – siehe Neil POSTMANs „Wir amüsieren uns zu Tode“, George ORWELLS dystopische Visionen oder auch Birkenbihl Vortrag darüber, wie Medien unsere Meinung beeinflussen – ist die persönliche Weiterbildung ein essentielles Werkzeug für unsere Zufriedenheit mit uns selbst.

Doch bei allem Durchleuchten unseres Schädels – man kann dabei auch Angst bekommen. Wie der Fünfjährige, über den im Netz zu lesen war. Der wusste noch nichts über Welt, die uns mehr und mehr durchleuchtet als erleuchtet. Jedes Navi und Handy weiß genau, dass wir jetzt und hier an diesem Ort sind. Cookies, Suchmaschinen, bis hin zu Lügendetektoren, die nun sogar in amerikanischen Ministerien beim Personal Verwendung, un dessen Loyalität zu prüfen, wissen mehr über uns als wir selbst. Der fünfjährige Junge jedenfalls, der zur MRT seines Schädels musste, lag m sorgenvollem Blick auf dem Tisch und sollte in das Gerät gefahren werden. Die Ärzte versuchen ihn zu beruhigen. Sagten, dass nichts passieren kann, die Röhre über seinem Kopf nicht herunterfällt, es nicht einmal blitzt und auch nichts weh tun kann. Der kleine Junge jedoch gab dennoch keine Ruhe. Immer wieder fragte man ihn, was ihn denn so beängstigt. Bis er damit herausrückte und eine Gegenfrage stellte: Sieht man auf dem Bild denn wirklich alles vom Gehirn, auch das, was ich denke? Nein, sagte der Arzt, nur die Knochen und das Gewebe. „Ah, das ist gut“, antwortete er. Warum? „Ach, weißt du, Herr Doktor, ich hatte gestern Abend ganz, ganz böse Gedanken.“
Zunächst ist man geneigt zu lächeln, aber dann bleibt das im Munde stecken. Ganz, ganz böse Gedanken. Fünf Jahre war er alt und so unschuldig wie nur was. Und dann solche Gedanken. Nicht zu erraten, nur auf Drängen von ihm preisgegeben. Was geschieht im Kopf eines Menschen? Was wächst in uns im Gedanken? Vielleicht wären wir auch manchmal lieber frei von Gedanken? Von solchen bestimmt. Aber sie beschäftigen uns dennoch Tag für Tag und oft sogar als Traum in der Nacht. Noch schlimmer wäre es freilich, wenn man ganz ohne Gedanken, sozusagen gedankenlos waäre. Doch das führt schnell auch in die Schamlosigkeit, die heutzutage immer mehr Menschen gefangen nimmt.
Warum ergeben sich erwachsene moderne Menschen im Fernsehen geradezu euphorisch in den medialen Klauen von Big Brother und anderen ähnlichen TV-Formaten, haben Sex sozusagen in aller Öffentlichleit, verkaufen ihre Seele gegen Geld und wenn sie später einmal interviewt werden wohl auch ihren Geist – sofern vorhanden? Die neue Botschaft der Influencer und ihrem Fußvolk lautet: Mensch werde öffentlich. Wenn Big Brother tatsächlich unser Bruder wird und sich alle Zuschauenden als Mit-Brüder verstehen, wo bleibt da der Götterfunke aus Schillers „Ode an die Freude“? Seit umschlungen Millionen und der Kuss der ganzen Welt: Schillers prophetische Vision der globalen Gesellschaft ist uns heute leider nur noch musikalisch erlaubt … oder wenn wir das machen, was uns von Vera F. Birkenbihl verblieben ist. Dank ihr kann darf der Freudenfunke nach wie vor trotzdem überspringen, ansteckend und zündend. (…)
Geschrieben von Rainer W. Sauer und © 2025 für BRAIN.EVENTS
[1] Um die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Hirn“ besser zu verstehen, lohnt es sich, es mit verwandten Begriffen zu vergleichen – sowohl im Deutschen als auch in anderen indoeuropäischen Sprachen. Ein naheliegendes Beispiel ist das Wort „Horn“, das etwas beschreibt, das sich am oder auf dem Kopf befindet. Hier ist es gut vorstellbar, dass Menschen, da sie bereits vor Tausenden von Jahren erlegte Tiere öffneten, um sie zu verwerten, das was sich auf dem Kopf befindet „Horn“ nannten, während „Hirn“ für das steht, was sich im Inneren des Kopfes fand.